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Das Wegschauen ist eine politische Entscheidung


Der Krieg im Sudan, europäische Verantwortung und die Pflicht zum Handeln.

Wir packen’s an sprach mit der Politikwissenschaftlerin und Sudan-Expertin Saskia Jaschek über die Mechanismen dieser Unsichtbarkeit, über europäische Mitverantwortung und darüber, warum das Unterlassen von Hilfe kein Versehen, sondern eine bewusste politische Entscheidung ist.

Ein Krieg, der nicht ins europäische Weltbild passt

Dass der Krieg im Sudan kaum Beachtung findet, sei kein Zufall, betont Jaschek. Vielmehr handele es sich um das Ergebnis „mehrerer struktureller Faktoren und Praktiken der Unsichtbarmachung“. Der Konflikt entziehe sich einfachen Erzählungen: Es gebe kein klares Freund-Feind-Schema, keine eindeutige Frontlinie und kein vertrautes Deutungsmuster.

Hinzu kommen ganz praktische Gründe: Berichterstattung aus dem Sudan ist teuer, gefährlich und ressourcenintensiv. Medienhäuser investieren diese Mittel jedoch nur, wenn politisches Interesse und öffentliche Aufmerksamkeit vorhanden sind. „Und da kommt die Politik ins Spiel“, so Jaschek. Nach der gescheiterten Hoffnung auf einen demokratischen Übergang nach der Revolution von 2019 sei der Sudan aus dem Fokus europäischer Außenpolitik verschwunden.

Der Krieg widerspreche dem europäischen Wunsch nach einem linearen, kontrollierbaren Wandel. Statt sich mit der Realität komplexer Gewaltverhältnisse auseinanderzusetzen, werde der Konflikt gemieden – politisch wie medial. Dass Europa zugleich weiter vom Rohstoffabbau profitiert und keine größeren Fluchtbewegungen Richtung EU stattfinden, mache den Sudan geopolitisch „zweitrangig“.

Der Krieg im Sudan, europäische Verantwortung und die Pflicht zum Handeln, Wir packen's an
© European Union, 2025 (Foto: Peter Biro)
Der Krieg im Sudan, europäische Verantwortung und die Pflicht zum Handeln, Wir packen's an
© European Union, 2025 (Foto: P. Costa Gomes)

Europas Mitverantwortung: Stabilität um jeden Preis

Besonders deutlich wird Jaschek, wenn es um die Rolle Europas geht. Die Gewalt im Sudan sei nicht isoliert zu betrachten, sondern Ergebnis einer „langjährigen politischen Ko-Produktion instabiler Machtverhältnisse“. Über Jahrzehnte hinweg hätten europäische Staaten mit sudanesischen Sicherheitseliten kooperiert, sie finanziell unterstützt und diplomatisch legitimiert – darunter Akteure, deren Gewaltpraxis gut dokumentiert war.

Ein zentrales Beispiel ist der Khartum-Prozess, eine 2014 gestartete Initiative zur Migrationskontrolle entlang der sogenannten Horn-of-Africa-Route. Unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Menschenhandel flossen europäische Gelder – auch aus Deutschland – in Grenzsicherung, Strafverfolgung und Sicherheitsapparate. Davon profitierten insbesondere die Rapid Support Forces (RSF), die vom damaligen Diktator Omar al-Bashir zum Grenzschutz eingesetzt wurden.

„Dank des Khartum-Prozesses erhielten sie den Status von einer Miliz zu einer regulären Einheit“, so Jaschek – obwohl ihre Beteiligung am Genozid in Darfur und zahlreiche weitere Verbrechen bekannt waren. Auch nach dem Militärputsch 2021 habe Europa weiter auf „Stabilität durch militärische Akteure“ gesetzt und zivile Kräfte an den Rand gedrängt. Bewaffnete Gruppen erhielten internationale Anerkennung, während demokratische Akteur:innen politisch marginalisiert wurden.

Flucht als Bedrohung, nicht als Schutzauftrag

Die Folgen dieses Krieges sind massiv: Millionen Menschen sind auf der Flucht. Doch Europa reagiert nicht mit Schutz, sondern mit Abschottung. Für Jaschek ist auch das kein Zufall, sondern Ausdruck einer „historisch gewachsenen rassistischen Sicherheitspolitik“. Während ukrainische Geflüchtete als integrierbar wahrgenommen wurden, gelten sudanesische Geflüchtete als Teil einer vermeintlich „endlosen, illegalen Migration“ aus Afrika.

Konkret bedeutet die europäische Grenzpolitik für viele Menschen aus dem Sudan blockierte Fluchtwege, Gewalt entlang der Routen und politische Entrechtung. In Transitländern wie Libyen oder Ägypten sind sie Verhaftung, Misshandlung und Vertreibung ausgesetzt. Gleichzeitig sind legale Zugangswege nach Europa nahezu abgeschafft: Resettlement-Programme sind minimal, sichere Fluchtwege kaum vorhanden. „Die Chance für Sudanes:innen, überhaupt in Europa anzukommen, ist damit sehr gering“, sagt Jaschek.

Responsibility to Protect – und Deutschlands besondere Verantwortung

Diese politische Realität steht in einem eklatanten Widerspruch zu internationalen und nationalen Selbstverpflichtungen. Mit der Responsibility to Protect (R2P) haben sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen 2005 verpflichtet, Menschen vor Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen – notfalls auch durch internationales Eingreifen, wenn Staaten dazu nicht willens oder fähig sind.

Deutschland gehört zu den erklärten Unterstützern der R2P-Prinzipien. In den Leitlinien der Bundesregierung von 2017 wurde die Prävention von Massenverbrechen sogar ausdrücklich als Teil der deutschen Staatsräson definiert. Daraus ergibt sich eine klare politische Verantwortung – auch im Fall Sudan.

Zwischen Anspruch und Realität klafft jedoch eine tiefe Lücke. Statt frühzeitig zivile Kräfte zu stärken, Sanktionen konsequent umzusetzen und Schutz zu ermöglichen, setzte Deutschland – im europäischen Verbund – auf Migrationsabwehr, Stabilisierung durch Militärs und politisches Wegsehen. Angesichts der massiven Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ist dieses Unterlassen nicht neutral, sondern politisch wirksam.

„Das Unterlassen ist eine bewusste Entscheidung“

Saskia Jaschek benennt eine unbequeme Wahrheit: „Das Leid der Menschen im Sudan ist bekannt, dokumentiert und analysiert, und dennoch wird es nachrangig behandelt.“ Dass Europa keine wirksamen Maßnahmen ergreift, sei keine Frage fehlenden Wissens, sondern eine bewusste politische Entscheidung.

Menschenrechte würden nur so lange verteidigt, wie sie nicht mit anderen Interessen kollidierten – etwa mit Migrationskontrolle, geopolitischer Einflussnahme oder Ressourcennutzung. Im Sudan kollidieren sie mit all dem zugleich.

Für Wir packen’s an ist klar: Wer Verantwortung ernst nimmt, darf nicht wegschauen. Der Krieg im Sudan ist kein ferner Konflikt, sondern eng mit europäischer Politik verknüpft. Verantwortung zu schützen bedeutet, hinzusehen, Schutz zu ermöglichen und politische Konsequenzen zu ziehen – gerade dann, wenn es unbequem wird.

Aktiv werden statt ohnmächtig bleiben

Angesichts weltweiter Krisen, Konflikte und daraus entstehenden Leid Unschuldiger fühlen sich viele Menschen ohnmächtig in Anbetracht des politischen Wegschauens in Europa. Doch Ohnmacht ist kein Naturzustand – sie entsteht dort, wo Handeln ausbleibt. Engagement kann ein Weg sein, dieser empfundenen Machtlosigkeit etwas entgegenzusetzen.

Bei Wir packen’s an gibt es viele Möglichkeiten, aktiv zu werden: als Fördermitglied, das die Arbeit des Vereins regelmäßig finanziell unterstützt, oder als engagiertes Mitglied, das sich praktisch, politisch oder organisatorisch einbringt. Jede Unterstützung zählt. Denn Veränderung entsteht selten durch den einen großen Schritt – sondern durch viele kleine, die gemeinsam Wirkung entfalten.

Wer sich engagiert, bleibt nicht Zuschauer:in. Gemeinsam können wir Solidarität praktisch machen, politische Verantwortung einfordern und zeigen, dass ein anderes Handeln möglich ist.