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Wir packen’s an im Bundeskanzleramt: Auszeichnung bei startsocial und offener Brief an Bundeskanzler Merz


Am 9. Juni 2026 wurde Wir packen’s an e. V. zur Preisverleihung des startsocial-Wettbewerbs ins Bundeskanzleramt eingeladen. Im Rahmen der Veranstaltung wurden wir für unser besonderes soziales Engagement ausgezeichnet und erhielten eine Urkunde von Staatsministerin Dr. Christiane Schenderlein. Wir nutzten die Gelegenheit, um einen offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz zu übergeben. Darin kritisieren wir die Mitverantwortung der Bundesregierung für humanitäre Notlagen geflüchteter Menschen in Europa.

Geflüchtete Menschen leben mitten in Europa unter unerträglichen Bedingungen in informellen Lagern, in Abschiebehaft, auf der Straße oder in Hochsicherheitslagern. Der Brief stellt den Zusammenhang zwischen dieser Not und politischen Entscheidungen der Bundesregierung sowie der europäischen Asylpolitik her, und verweist auf die damit verbundene politische Verantwortung.

Wir freuen uns über die Anerkennung unserer Arbeit. Gleichzeitig müssen wir deutlich sagen: Unsere Arbeit wäre nicht nötig, wenn Deutschland und die EU eine andere Migrationspolitik verfolgen würden. Die Not, der wir begegnen, ist auch die Folge der Politik der Bundesregierung. Deshalb war für uns klar: Wenn wir ins Bundeskanzleramt eingeladen werden, müssen wir diese Realität auch dort zur Sprache bringen“, sagt Lisa Clara Burger, Geschäftsstellenleiterin von Wir packen’s an.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,
wir danken Ihnen für die Einladung ins Bundeskanzleramt und für die Anerkennung unseres Engagements.

Wir packen’s an e. V. leistet humanitäre Nothilfe für Menschen auf der Flucht – unter anderem an den Außengrenzen der Europäischen Union. Dort begegnen wir Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen aus ihrer Heimat fliehen mussten: wegen Krieg, politischer Verfolgung, Armut, Gewalt oder den Folgen der Klimakrise. Hinter jeder Flucht steht eine individuelle Geschichte. Doch all diese Menschen verbindet der Wunsch nach einer Zukunft in Sicherheit und Würde.

Was sie in Europa stattdessen erwartet, steht in starkem Widerspruch zu den Werten, auf die sich die Europäische Union und die Bundesrepublik Deutschland berufen. Schutzsuchende Menschen werden ausgegrenzt, entrechtet, inhaftiert, von Grenzschutzbehörden schikaniert oder misshandelt. Sie irren durch Wälder zwischen Grenzen oder harren monatelang in schlammigen Zeltcamps aus. Sie können ihre Kinder nicht ausreichend versorgen, hungern, frieren und werden krank.

Dass wir diese Menschen unterstützen, erfüllt uns nicht mit Stolz. Wir finden es beschämend, dass unsere Arbeit so dringend nötig ist. Es ist eine Schande, dass Menschen mitten in Europa hungern und frieren müssen und ihre Rechte missachtet werden. Es ist eine Schande, dass Schutzsuchende in Europa in so große Not geraten, dass ehrenamtliche Vereine einspringen müssen, weil staatliche Verantwortung versagt. Die humanitären Krisen, denen wir in Frankreich, Griechenland, Polen und auf dem Balkan begegnen, stehen in direktem Zusammenhang mit der Politik der Bundesregierung und mit Entscheidungen, die Deutschland auf europäischer Ebene mitträgt.

Diesen Zusammenhang möchten wir mit diesem Brief anhand unserer Erfahrungen sichtbar machen.
Wir bitten Sie, sich die Zeit zu nehmen, folgende Beispiele durchzulesen:

1. Zurückweisungen an deutschen Grenzen verweigern Menschen den Zugang zu ihren Rechten:

Am 7. Mai 2025, unmittelbar nach dem Amtsantritt der aktuellen Bundesregierung, ordnete Bundesinnenminister Alexander Dobrindt verstärkte Grenzkontrollen an. Seitdem sollen Menschen, die an deutschen Landesgrenzen um Asyl bitten, zurückgewiesen werden. An der deutsch-polnischen Grenze bedeutet diese Entscheidung für viele Schutzsuchende: Sie erreichen Deutschland, sie äußern ihren Schutzbedarf und werden trotzdem nach Polen zurückgedrängt. Den Betroffenen wird der Zugang zu einem fairen Asylverfahren verwehrt.
Deutsche Behörden prüfen nicht, ob jemand vor Krieg, Verfolgung oder Gewalt geflohen ist. Stattdessen geben sie die Verantwortung an die polnische Regierung ab – eine Regierung, die das Recht auf Asyl weitestgehend abgeschafft hat.

Wenn deutsche Behörden schutzsuchende Menschen zurückweisen, trägt Deutschland auch Verantwortung für alles, was ihnen danach widerfährt. Die Betroffenen werden in Polen meist monatelang in entwürdigenden Abschiebegefängnissen festgehalten. Danach schiebt Polen sie entweder in ihre Herkunftsländer ab (u.a.nach Afghanistan, in den Sudan, in den Iran oder in andere Staaten, in denen ihnen Verfolgung, Folter oder Lebensgefahr drohen). Oder man setzt sie buchstäblich auf die Straße – ohne Papiere, ohne die Möglichkeit, Asyl zu beantragen oder einen Aufenthaltsstatus zu erlangen.

Das Verwaltungsgericht Berlin hat bereits im Juni 2025 entschieden, dass Zurückweisungen von Asylsuchenden an der deutsch-polnischen Grenze rechtswidrig sind. Trotzdem hält die Bundesregierung an dieser Praxis fest. Herr Bundeskanzler, bitte nehmen Sie unsere Gesetze ernst und stellen Sie die illegalen Zurückweisungen an unseren Grenzen ein.

2. Deutsche Abschiebepolitik treibt Menschen weiter in die Flucht

In Nordfrankreich an der französisch-britischen Grenze begegnen wir immer wieder Menschen, die bereits mehrere Jahre in Deutschland gelebt haben. Sie haben Deutsch gelernt, eine Arbeit gefunden und begonnen, sich ein Leben in Deutschland aufzubauen. Dennoch riskieren sie jetzt erneut ihr Leben für die gefährliche Überfahrt nach Großbritannien und verbringen davor längere Zeit in den informellen Lagern von Calais und Dunkerque. Dort erleben sie wiederholt Räumungen, die Beschlagnahmung und Zerstörung ihrer wenigen Besitztümer sowie eine prekäre Versorgungssituation.

Viele dieser Menschen haben Deutschland aus Angst vor einer Abschiebung in ihr Herkunftsland verlassen, das für sie lebensgefährlich ist. Andere litten in Deutschland unter massiver Ausgrenzung und der zunehmend feindseligen Rhetorik gegenüber Geflüchteten. Auch wenn ihre Zukunft unsicher und menschenunwürdig bleibt: weiterzuziehen ist für viele Menschen oft die einzige verbleibende Option.

Herr Bundeskanzler, Sie selbst verstärken die feindselige Stimmung gegenüber Geflüchteten in Deutschland, wenn Sie sie mit Worten wie „Sozialtourismus“ oder „Problem im Stadtbild“ pauschal als Belastung oder Bedrohung erscheinen lassen. Ihre Regierung schürt Angst unter geflüchteten Menschen, wenn sie zum Beispiel Abschiebungen nach Afghanistan vorantreibt und dafür mit den Taliban kooperiert. Für die Betroffenen ist das eine klare Botschaft: Selbst wer in Deutschland gearbeitet, Steuern gezahlt, die Sprache gelernt und sich ein Leben aufgebaut hat, kann sich hier nicht sicher fühlen.

3. Deutschland ist mitverantwortlich für das europäische Lagersystem:

Auf den griechischen Inseln wie Samos, Leros und Kos werden Menschen nach der Überfahrt in Hochsicherheitslagern untergebracht. Die Lebensbedingungen dort sind von erheblichen Einschränkungen geprägt: Die Bewegungsfreiheit der Menschen wird massiv eingeschränkt, es fehlt an Nahrung, Kleidung und Hygieneartikeln – oft gibt es nicht einmal Betten und Menschen schlafen auf Kartons am Boden.

Diese Lager sind keine griechische Ausnahme, sondern Teil einer europäischen Strategie. Sie wurden als Blaupause für die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems eingerichtet, die Deutschland als bevölkerungsreichster Mitgliedstaat maßgeblich mitverhandelt hat. Finanziert wurden die Lager zudem durch Mittel des europäischen Asyl, Migrations und Integrationsfonds, zu dem Deutschland als einer der
größten Beitragszahler erheblich beiträgt.

Die deutsche Regierung stellt die politische Struktur nicht infrage, die unerträgliche Lebensbedingungen in griechischen Lagern hervorbringt: Menschen werden auf den Inseln zum Warten verdammt, damit sie nicht in andere europäische Staaten weiterreisen können. Solange Deutschland an dieser Politik festhält, ist es Teil des Systems, das die menschenunwürdigen Zustände auf den griechischen Inseln aufrechterhält.

Wir erwarten nicht, dass Politik einfache Antworten auf komplexe Fragen findet. Aber wir erwarten, dass sie die Würde jedes Menschen achtet und die Verpflichtungen des Grundgesetzes, der Genfer Flüchtlingskonvention und der europäischen Menschenrechtsordnung ernst nimmt.

Wir appellieren nicht nur an Sie als Vorsitzenden einer christlich-demokratischen Partei und als Bundeskanzler unseres Rechtsstaats. Wir bitten Sie auch als Mensch: Blicken Sie auf diejenigen, die in Europa Schutz suchen, nicht zuerst als politische Herausforderung. Sehen Sie sie als Menschen mit Namen, Familien, Hoffnungen und Rechten.

Zeigen Sie politische Führung, indem Sie den Grundwerten unseres Landes treu bleiben – auch (oder gerade) dort, wo Gegenwind entsteht. Lassen Sie nicht zu, dass Rechtsextreme und deren Narrative darüber bestimmen, wie Deutschland über Schutzsuchende spricht und wie Europa mit ihnen umgeht.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser Satz gilt nicht erst nach der Ankunft in Deutschland. Er muss nach christlichen und demokratischen Werten auch dort Orientierung geben, wo Menschen an Europas Grenzen Schutz suchen.

Mit nachdrücklichem Gruß,
Lisa Clara Burger
Geschäftsstellenleiterin von Wir packen’s an e. V.