230 Millionen Euro für Grenzkontrollen, 30 Millionen für humanitäre Hilfe: Die Zahlen für das Jahr 2025 verdeutlichen, welche Prioritäten Frankreich an der Kanalküste setzt. Im Juli 2026 veröffentlichte die französische Nationalversammlung den Abschlussbericht einer Untersuchungskommission zu den Grenzkontrollen am Ärmelkanal. Ihr Befund fällt deutlich aus: Die bisherige Politik ist gescheitert.
Französische Medien griffen dafür die Formulierung „constat d’échec“ auf, die Feststellung des Scheiterns. Denn die Grenzpolitik verhindert die Überfahrten nach Großbritannien nicht. Stattdessen hält sie Menschen unter Bedingungen fest, die von Unsicherheit, fehlender Versorgung und rechtlicher Prekarität geprägt sind.
An der Küste zeigt sich das in wiederkehrenden Räumungen und einem unzureichenden Zugang zu Wasser, Sanitäranlagen und sicheren Unterkünften. Während erhebliche Mittel in die Kontrolle und Abschreckung fließen, bleibt die humanitäre Versorgung deutlich unterfinanziert. Die Politik zielt damit nicht nur darauf, Überfahrten zu verhindern, sondern auch darauf, die Präsenz der Menschen aus dem öffentlichen Raum zurückzudrängen.
Besonders deutlich wird die Kritik der Kommission an der bisherigen Praxis permanenter Räumungen. Sie stellt das Prinzip des „zero fixation point“ infrage, das darauf abzielt, dauerhafte Aufenthaltsorte von Menschen auf der Flucht zu verhindern. Die Folgen sind wiederholte Zerstörungen von Schlafplätzen und ein fehlender Zugang zu grundlegender Versorgung. Dem setzt die Kommission eine konkrete Forderung entgegen: Statt Menschen immer wieder zu vertreiben, sollen an der Küste tatsächliche Aufnahmestrukturen entstehen.
Damit legt der Bericht einen grundlegenden Widerspruch der bisherigen Grenzpolitik offen. Die staatlichen Maßnahmen verschärfen die prekären Lebensbedingungen, unter denen Menschen an der Küste ausharren müssen. Zugleich werden eben diese Bedingungen zum Argument für weitere Kontrollen und Räumungen. Die Politik bekämpft damit nicht nur eine Situation, sondern trägt selbst dazu bei, sie immer wieder hervorzubringen.




